Was ist besser? Nearshoring oder Offshoring?

ich werde oft gefragt, was die Vor- und Nachteile von Nearshoring und Offshoring sind. Leider kann man das nicht eindeutig beantworten. Im nachfolgenden Artikel möchte ich Ihnen daher einfach einmal die Unterschiede erläutern und Sie damit in die Lage versetzen, diese Frage für sich selbst zu beantworten.

Nearshoring bedeutet, dass ausgewählte Aufgaben aus einem Land erbracht werden, dass Ihrem Land sehr nahe liegt. So kann man bei Wikipedia nachlesen, dass damit Länder gemeint sind, welche die Grenze unseres Landes berühren. Dies ist jedoch nicht ganz korrekt, denn hier in Europa ist in diesem Zusammenhang eher von Ländern in Osteuropa die Rede. Offshoring bedeutet dementsprechend nichts anderes als die Verlagerung von Aufgaben in ein geografisch entferntes Land. In der Regel sind hiermit asiatische Länder gemeint, doch auch Mittel- und Südamerika kommt hierfür in Frage. Kombinationen aus beiden werden oft Bestshoring oder Rightshoring genannt, Nearshoring ist auch als Nearsourcing bekannt und für Offshoring gibt es ebenfalls noch eine ganze Reihe von Bezeichnungen wie z.B. Farshoring. Für die Unterscheidung bleibe ich jetzt jedoch bei den Begriffen Nearshoring und Offshoring.

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Nearshoring wesentlich einfacher ist, weil die Länder näher liegen und deshalb schneller zu erreichen sind, der Zeitunterschied kleiner und die Kultur dieser Länder unserer Kultur ähnlicher ist. Wenn man aber etwas genauer hinschaut, dann relativieren sich Annahmen schnell. Schauen wir also einmal etwas genauer hin:

  1. Die Zeitzonen:
    Der Unterschied zwischen West- und Osteuropa beträgt zwischen einer und zwei Stunden. Bei einem klassischen Offshore-Land wie Indien beträgt der Unterschied 3,5 bis 4,5 Stunden, abhängig von der Sommer- und der Winterzeit. Bei einem Nearshoring ist also die Überschneidung bei den üblichen Arbeitszeiten größer als beim Offshoring, was natürlich gewisse Vorteile birgt. Für jede Form des Outsourcings ist eine gute Kommunikation notwendig. Bei einem Nearshoring hat man durch den geringeren Zeitunterschied eine größere Überschneidung der Arbeitszeit, was natürlich auch mehr Zeit für die Kommunikation bedeutet. Manchmal kann es aber auch sinnvoll sein, wenn bestimmte Arbeiten zu einem Zeitpunkt durchgeführt werden, an dem Sie nicht arbeiten. Hinzu kommt, dass in der Regel durch die zeitlich eingeschränkte Möglichkeit der Kommunikation fast automatisch eine größere Disziplin entsteht, die vorhandene Zeit sinnvoll zur Abstimmung zu nutzen.
  2. Die Vor-Ort-Abstimmung:
    Wenn Sie das Bedürfnis haben, sich regelmässig vor Ort mit Ihrem Dienstleister abzustimmen, bietet sich eher das Nearshoring an. In der Regel benötigen Sie für diese Länder kein Visum und sie sind innerhalb von zwei Stunden mit dem Flieger zu erreichen. Eine Reise nach z.B. Indien oder Malaysia dauert erheblich länger, hat aber den Vorteil, dass man gleich noch etwas Sonne tanken kann. Gut, das ist kein sachliches Argument, aber da es bei einigen meiner Kunden offensichtlich eine Rolle spielte, möchte ich diesen Aspekt nicht unerwähnt lassen.
  3. Die kulturellen Unterschiede:
    Die Kultur ist wohl das am emotionalsten besetzte Thema bei der Wahl zwischen Nearshoring und Offshoring. Die meisten Menschen denken, dass man einander ähnlicher ist, wenn man näher bei einander lebt. Ich selbst kann das jedoch nicht bestätigen, denn tatsächlich hat sich die Zusammenarbeit mit Indern in den Outsourcing-Projekten genauso gestaltet wie die Zusammenarbeit mit Dienstleistern aus Rumänien oder Litauen. Ich habe Projekte in der Schweiz, Österreich, Schweden, England, Frankreich, Spanien und Portugal gemacht und kann mit Fug und Recht behaupten, dass selbst in diesen Ländern schon die kulturellen Unterschiede teils immens sind. Genauso könnte man in Bezug auf die für Nearshoring in Frage kommenden Länder sagen, dass bei diesen wahrscheinlich der Kommunismus großen Einfluss auf die Mentalität hatte und zu starken Unterschieden in der Mentalität zwischen Ost und West geführt haben könnte. Wichtig ist letztendlich nur, dass man sich dessen bewusst ist, dass es kulturelle Unterschiede gibt und Zeit mit den Menschen verbringt, um ihre Kultur kennen zu lernen.
  4. Die Sprache:
    Indische Programmierer oder Administratoren sprechen in der Regel alle Englisch, jedoch mit einem indischen Akzent. In der Regel dauert es einige Tage oder Wochen, bis man sich an den zunächst neuen, indischen Akzent gewöhnt hat und sie problemlos versteht. Für viele Inder ist Englisch jedoch die zweite Muttersprache, wodurch sie diese sehr gut sprechen. In Osteuropa ist wiederum die englische Sprache nicht so üblich, auch wenn viele Osteuropäer Englisch in der Schule gelernt haben. Sie haben jedoch oft nur wenig Praxiserfahrungen, so dass sie Englisch besser schreiben als sprechen sprechen können.
  5. Die Personalverfügbarkeit:
    Der wichtigste Faktor bei der Entscheidung zwischen Nearshoring und Offshoring muss immer die Personalverfügbarkeit sein. Es ist wichtig, dass Ihr Outsourcing-Partner ausreichend qualifiziertes Personal zu findet, um zum einen den vereinbarten Qualitätsstandard halten und schnell auf Ihre Anforderungen reagieren zu können. Je größer die Auswahlmöglichkeiten sind, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen die besten Talente zur Verfügung gestellt werden können. So graduieren in Indien jedes Jahr ca. 200.000 IT-Studenten. Die indische Regierung hat sich das Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass bis 2025, dass 30% der Jugend einen universitären Abschluss haben. Aktuell beträgt der Anteil 12%. Auch in Osteuropa graduieren viele IT-Talente pro Jahr. Durch die Größe der einzelnen Länder ist der Markt jedoch ganz klar kleiner als der in Indien. Qqualifizierte Personen gibt es jedoch sowohl in Osteuropa wie auch in Indien für die unterschiedlichsten Anforderungen, daher sollten Sie die Entscheidung von dem Anforderungsprofil und der Anzahl der benötigten Ressourcen abhängig machen.
  6. Die Kosten:
    Auch die Kosten unterscheiden sich teilweise erheblich. Interessanterweise hat hierbei jedoch weitaus mehr Einfluss, in welcher Stadt und mit welchen Anforderungen Ressourcen gesucht werden als das Land selbst.Größere Städte sind in den Ländern meistens von den Lebenshaltungskosten teurer als kleinere Städte. So ist es auch nicht erstaunlich, dass ein Arbeiter in Bangalore ein höheres Gehalt verlangt als ein Arbeiter in Kochi. Das gleiche gilt für Arbeitskräfte in Kiew, die mehr verdienen als die in Odessa. Meist ein entscheidender Faktor ist die Zugehörigkeit eines Landes zur EU, da diese Länder generell höhere Gehälter zahlen als ein Nicht-EU-Mitglied. Verallgemeinert lässt sich jedoch feststellen, dass Gehälter in Indien im Vergleich zu Osteuropa geringer sind, was sich wiederum auf den Preis auswirkt. Suchen Sie jedoch nach einem „Nischen“-Spezialisten sind, kann dieser auch in Indien teurer sein.

Die Frage nach den Vor- und Nachteile von Nearshoring und Offshoring lässt sich also nicht einfach generell beantworten, denn es liegt in der Regel an Ihrem Anforderungsprofil, ob Nearshoring oder Offshoring die bessere Alternative für Sie darstellt. Generell lässt sich jedoch sagen, dass es bei beiden Möglichkeiten eigentlich nur darum geht, dass Sie die richtigen Personen für Ihre offenen Positionen finden. Wenn Sie Wert darauf legen, intelligente, talentierte und engagierte Personen bekommen, dann sollten die restlichen Faktoren nicht mehr wichtig sein, da Sie sicherlich in der Lage sein werden, den Rest entsprechend zu organisieren.